Borges hat einmal gesagt, Lesen sei um so vieles kultivierter als Schreiben [...]. Nie wird ein Schriftsteller die absolute Freiheit des uneigennützigen Lesens kennen, der nur Leser ist. Dieses nur ist hier nicht pejorativ gemeint, im Gegenteil. Der Leser, der ausschließlich um des Lesens willen liest, ist der einzige wahre Leser. Schriftsteller lesen raubgierig, sie können es im Grunde nicht lassen, ans Schreiben zu denken. Manche Schriftsteller lesen wie Werkspione, andere wie eifersüchtige Liebhaber, aber wie auch immer - sie sind verdorbene Leser, meilenweit entfernt von jener platonischen Lichtgestalt, dem geträumten idealen Leser, der natürlichen und einzigartigen lebenden Fortsetzung jedes Buches, demjenigen, der das Buch stets von neuem schreibt, ohne den Schriftsteller etwas zu fragen, der seine Wörter bereits abgeliefert hat.

Roter Regen (Cees Nooteboom)