Über die Literatur ist vieles, vielleicht zu vieles geschrieben worden, dabei ist die spezifische Besonderheit der Literatur, der hohen Kunst der westlichen, vor unseren Augen untergehenden Welt nicht schwierig zu bestimmen. Die Musik kann im selben Maße wie die Literatur erschüttern, eine gefühlsmäßige Umkehr, Traurigkeit oder absolute Ekstase bewirken; die Malerei kann im selben Maße wie die Literatur verzücken, einen neuen Blick auf die Welt eröffnen. Aber allein die Literatur vermittelt uns das Gefühl von Verbundenheit mit einem anderen menschlichen Geist, mit allem, was diesen Geist ausmacht, mit seinen Schwächen und seiner Größe, seinen Grenzen, seinen Engstirnigkeiten, seinen fixen Ideen, seinen Überzeugungen; mit allem, was ihn berührt, interessiert, erregt oder abstößt. Allein die Literatur erlaubt uns, mit dem Geist eines Toten in Verbindung zu treten, auf direkte, umfassendere und tiefere Weise, als das selbst in einem Gespräch mit einem Freund möglich wäre - denn so tief und dauerhaft eine Freundschaft sein mag, niemals liefert man sich in einem Gespräch so restlos aus, wie man sich einem leeren Blatt ausliefert, das sich an einen unbekannten Empfänger richtet.

Michelle Houellebecq (Unterwerfung)

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Nichts vermochte die Vitalität dieses Jungen auszulöschen, dessen schlanker kleiner Torpedo von einem unbeschädigten Körper einst auf den hohen Atlantikwellen hundert Meter weit durch den wilden Ozean zur Küste geschossen war. Oh, diese Unbekümmertheit und der Geruch des Salzwassers und die sengende Sonne! Tageslicht, dachte er, Licht, das überall hindrang, ein Sommertag nach dem anderen voll von diesem Licht, das auf der lebendigen See gleißte, ein optischer Schatz, so unermesslich und kostbar, als betrachte er durch die mit den Initialen seines Vaters versehene Juwelierlupe diesen vollkommenen, unermesslich kostbaren Planeten selbst - bei sich zu Hause den billionen-, den trillionen-, den quadrillionenkarätigen Planeten Erde! Er sank hinunter, fühlte sich aber alles andere als besiegt, ganz und gar nicht dem Untergang geweiht, nur darauf aus, wieder Erfüllung zu erleben, und dennoch wachte er nicht mehr auf.

Jedermann (Philipp Roth)