Ich bin Hausarzt. Von morgens halb neun bis mittags um eins halte ich Sprechstunde. Ich nehme mir Zeit. Für jeden Patienten zwanzig Minuten. Das ist mein Markenzeichen. Welcher Hausarzt hat heutzutage schon zwanzig Minuten Zeit für einen, sagen die Leute - und sagen es weiter. Ich habe eine lange Warteliste. Für jeden Patienten, der stirbt oder umzieht, melden sich auf einen einzigen Anruf hin fünf neue.

Sommerhaus mit Swimmingpool (Herman Koch)

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Zum ersten Mal verstanden, dass mein Text wirklich gut war und ich nicht nur hoffte, dass er gut war oder so tat, als wäre er es, hatte ich, als ich eine Passage über Vater schrieb und dabei in Tränen ausbrach. Das war mir noch nie, nicht einmal ansatzweise, passiert. Ich schrieb über Vater, und  die Tränen liefen mir die Wangen hinunter, ich konnte Tastatur und Bildschirm kaum sehen, tippte einfach weiter. Von der Existenz der Trauer, die in mir freigesetzt wurde, hatte ich nichts geahnt, nichts gewusst. 

Sterben (Karl Ove Knausgard)