Im Augenblick der Trennung umarmte Deruga ihn mit der alten Herzlichkeit und Tränen in den Augen. "Vergiss das verzweifelte Zeug, das ich geredet habe", sagte er, "und glaube nur das eine, dass mein Herz immer dasselbe ist. Und wenn dich morgen der Schlag träfe und zu einem schlottrigen Idioten machte, der seinen Mund nicht mehr finden kann, so würde ich dich zu mir nehmen und dich eigenhändig füttern, solange du lebtest. Dasselbe lass mich von dir glauben! Was für ein Strudel von Dreck wäre das Leben, wenn es nicht unwandelbare Herzen gäbe!"

Der Fall Deruga (Ricarda Huch)

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Sein Versuch, nicht an jene letzten Tage zu denken, wird misslingen. Die geschlossenen Vorhänge, die Schritte des Arztes im Flur, seine tröstende Hand an der Wange. Es ist vorbei, mein Junge. Dieser Satz. Dieses Wort. Vorbei. Den Satz würde er sein ganzes weiteres Leben mit sich tragen, das wusste er damals schon. Und dann der Abschied im Schlafzimmer. Er hatte nie geahnt, dass Tote so still liegen können. Wirklich still, nicht wie ein Mensch oder ein Tier, das schläft, nein, so still wie eine Vase, die auf einem Tisch steht - eine leere Vase, ohne Blumen. [...]. Er hatte einmal gelesen, der menschliche Körper sei nach Eintreten des Todes einundzwanzig Gramm leichter. Gläubige führten das auf die entschwundene Seele zurück. Aber er war nicht gläubig, jedenfalls glaubte er nicht an die Wägbarkeit der Seele.

Sehr geehrter Herr M. (Hermann Koch)