Wir verlieben uns in der Hoffnung, dass wir bei dem anderen nicht das entdecken, von dem wir wissen, dass es in uns selbst steckt - all die Feigheit, Schwachheit, Trägheit, Ehrlosigkeit, Kompromissbereitschaft und dumpfe Blödigkeit. Wir ziehen einen Kordon von Liebe um die erwählte Person und beschließen, dass alles, was sich innerhalb dieses Kreises befindet, von unseren Fehlern irgendwie unberührt und daher liebenswert sei. Wir sehen in den anderen eine Vollkommenheit hinein, die wir bei uns selbst vermissen.

Versuch über die Liebe (Alain de Botton)

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Sein Versuch, nicht an jene letzten Tage zu denken, wird misslingen. Die geschlossenen Vorhänge, die Schritte des Arztes im Flur, seine tröstende Hand an der Wange. Es ist vorbei, mein Junge. Dieser Satz. Dieses Wort. Vorbei. Den Satz würde er sein ganzes weiteres Leben mit sich tragen, das wusste er damals schon. Und dann der Abschied im Schlafzimmer. Er hatte nie geahnt, dass Tote so still liegen können. Wirklich still, nicht wie ein Mensch oder ein Tier, das schläft, nein, so still wie eine Vase, die auf einem Tisch steht - eine leere Vase, ohne Blumen. [...]. Er hatte einmal gelesen, der menschliche Körper sei nach Eintreten des Todes einundzwanzig Gramm leichter. Gläubige führten das auf die entschwundene Seele zurück. Aber er war nicht gläubig, jedenfalls glaubte er nicht an die Wägbarkeit der Seele.

Sehr geehrter Herr M. (Hermann Koch)