Im September, an einem der letzten schönen Sommerabende - es roch nach frisch gemähtem Rasen, und weit unten am See glitzerten unternehmungslustig die Lichter der Vororte -, setzte sich Konrad Lang im Wohnzimmer des Gästehauses aus einer Eingebung heraus ans Klavier. Er öffnete den Deckel und machte einen Anschlag mit der rechten Hand. Er spielte ein paar Akkorde und dann sachte die Stimme der rechten Hand der Nocturne Op. 15 No. 2 in Fis-Dur von Frédéric Chopin. Zuerst unsicher, dann immer beherzter und flüssiger.
Als Schwester Ranjah leise ins Zimmer trat, lächelte er sie an.
Dann nahm er die linke Hand zur Hilfe.
Und die Linke begleitete die Rechte. Blieb ein bisschen stehen, verschnaufte ein paar Takte, holte sie wieder ein, nahm ihr die Melodie ab, führte sie allein weiter, warf sie ihr wieder zu, kurz: benahm sich wie ein selbständiges Lebewesen mit einem eigenen Willen.

Small World (Martin Suter)