Das letzte Mal machte sie ihre Augen am Nachmittag auf. Sie blickte mich an, und als sie sah, dass ich lautlos weinte, schien sie bedrückt zu sein, als gäbe sie sich die Schuld dafür. Und noch einmal drückte sie meine Hand, und dann schloss sie ihre Augen wieder. Ich konnte beinahe spüren, wie ihre Gedanken durch Raum und Zeit rasten und nach einer letzten Kostbarkeit suchten, einem letzten schönen Moment, an dem sie sich festhalten könnten. [...]. Ein letztes großes Durcheinander von Gedanken und Gefühlen, wirre Furcht und Zuversicht, während es auch schon mit ihr davonflog, überraschend schnell und fremd und unendlich weit weg.

Vom Ende der Einsamkeit (Benedict Wells)

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Damit kein Missverständnis aufkommt: ich lehne mich ab. Lange Zeit wusste ich nichts von diesem Uneinssein mit mir selbst. Ich genoss es, die eigene Stimme zu hören, und rechnete noch mit den besten Jahren. In jeder Hinsicht bereitete ich mich darauf vor, um dann, wenn sie kämen, nicht nur das Beste vom Leben entgegenzunehmen, sondern auch mein Bestes zu geben, aber sie kamen nicht, die besten Jahre; und an diesem Oktobertag, als ich Christine, meine Frau, im staubigen Souk der Buchhändler suchte, Julian, unseren Sohn, fest an der Hand, da schien es mir zum ersten Mal wahrscheinlich, dass sie auch nicht mehr kommen würden.

Der Sandmann (Bodo Kirchhoff)