Mein Bruder wohnte ganz hinten im Gang. Im Gegensatz zu meiner Schwester oder mir hatten die letzten Jahre Marty kaum etwas anhaben können, er hatte aber auch wenigsten zu verlieren gehabt. Er war wie eine Ameise, die nach einem Atomkrieg unbeirrt weitermachte. Inzwischen maß er eins neunzig, ein magerer Hüne mit eckigen Bewegungen, die langen Haare hatte er zu einem Zopf gebunden. Es war, als hätte man Woody Allen gezwungen, noch einmal die Pubertät durchzumachen: Er trug nur noch schwarze Kleidung und einen schwarzen Ledermantel, gab den ganze Tag intellektuelle Anspielungen von sich, die keiner von uns verstand, und mit seiner Hakennase und der Brille wirkte er wie eine existentialistische Vogelscheuche.

Vom Ende der Einsamkeit (Benedict Wells)

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Ein Tag im Spätsommer am größten oberitalienischen See, dort, wo er sich nach Süden weitet, ein Garten mit Olivenbäumen. Endloses Tönen zweier Zikaden in der Stille über einem Ort mit steinernem Uhrturm und blassroten Schindeln, mit Zypressen wie Federkiele vor zittrigem Wasser; ein Haus in bevorzugter Lage. Auf der Terrasse ein Mann in dunkler Hose, barfuß, man sieht ihn kraftvoll einen Korken ziehen, man sieht ihn erst von hinten, dann von der Seite, vermutlich der Hausherr.

Bodo Kirchhoff - Der Prinzipal

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Es gibt Menschen, die überwältigt werden von der Gewalt anderer, von ihrer Art zu sprechen, die Beine übereinander zu schlagen, eine Zigarette anzuzünden. Die gebannt sind von ihrer Präsenz. Eines Tages, vielmehr eines Nachts, werden sie mitgerissen vom Begehren und Willen eines anderen, eines Einzigen. Was sie zu sein glauben, schwindet. Sie lösen sich auf und sehen ein Abbild ihrer selbst handeln, gehorchen, erfasst vom unbekannten Lauf der Dinge. Sie können nicht mithalten mit dem Willen des Anderen. Er ist ihnen immer ein Stück voraus. Sie holen ihn nie ein. Keine Unterwerfung, keine Einwilligung, nur die unfassbare Wirklichkeit, die einen denken lässt, "was geschieht mir gerade" oder "das geschieht gerade mir", bloß gibt es da schon kein Ich mehr, jedenfalls nicht mehr das, das es zuvor gab.

Annie Ernaux - Erinnerungen eines Mädchens

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Haben Sie Dank für Ihre Einladung zu einer zweiwöchigen Kreuzfahrt durch die Karibik in einer Außenkabine mit Balkon bei freier Verpflegung sowie freien Getränken an jeder Bar unter der Bedingung mehrerer Lesungen aus meinem Werk, jeweils zur Prime Time, wie es in Ihrem Schreiben heißt, das Ganze auch gültig für eine Begleitperson einschließlich des Fluges nach Havanna auf Kosten der Reederei Arkadia Line - was kann ein Mensch dazu anderes sagen als ja? Und doch erlaube ich mit einige Gedanken vor einer Zusage, die, wie Sie betonen, möglichst umgehend erfolgen soll, obgleich die Reise doch erst für die Zeit um die Jahreswende eingeplant ist und wir uns noch kaum im März befinden.

Bodo Kirchhoff - Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

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Ich nenne sie Sylvia. Das ist nicht ihr richtiger Name - ihr richtiger Name würde nur ablenken. Die Leute verbinden alles Mögliche mit Namen, vor allem wenn es keine einheimischen sind, wenn sie keine Ahnung haben, wie man sie ausspricht, geschweige denn, wie man sie schreibt. Sagen wir, dass es kein holländischer Name ist. Meine Frau stammt nicht aus den Niederlanden. Woher sie kommt, darüber hülle ich mich vorläufig noch in Schweigen.

Herman Koch - Der Graben

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Wir sprachen über Windrichtung und Wellengang und spekulierten, wie der November verlaufen würde. Auch auf der Insel gab es Jahreszeiten, man musste nur genau hinschauen. Tagsüber sank die Temperatur selten unter zwanzig Grad. [...]. In der Ferne leuchteten die Krater des Timanfaya rötlich, gelb, violett und grünlich von den Flechten, die das Vulkangestein überzog. Die einzige Pflanze, die in dieser Umgebung wuchs, war ein Pilz. Ich wartete, wer als Erster "wie auf dem Mond" sagen würde.

Juli Zeh - Nullzeit