"Echte Größe", las er schließlich vor, "zeigt derjenige, dessen Stärke die meisten Herzen bewegt, und zwar durch sein eigenes Herz. [...]. Ich bin sehr stolz, die Henry-Ward-Beecher-Medaille in diesem Jahr dem Schüler verleihen zu dürfen, dessen stille Stärke die meisten Herzen bewegt hat. Also, würdest du bitte auf die Bühne kommen, August Pullman, und dir deine Auszeichnung abholen?" [...]. Ich glaube, ich lächelte. Vielleicht strahlte ich sogar, ich weiß es nicht. Als ich den Mittelgang entlang zur Bühne ging, sah ich nur noch eine verschwommene Masse aus glücklichen Gesichtern, die mich anschauten, und Hände, die mir applaudierten. [...]. Ich hatte das Gefühl, ich würde schweben. Als würde mir die Sonne direkt ins Gesicht scheinen und mir der Wind sanft entgegenwehen. [...]. Alle standen auf. Nicht nur die ersten Reihen, sondern das ganze Publikum erhob sich plötzlich von den Sitzen, jubelte und klatschte wie verrückt. Es waren Standing Ovations. Für mich.

Wunder (Raquel J. Palacio)

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Heute ist der Geliebte meiner Mutter gestorben. Er war steinalt, kerngesund noch im Tod. Er sank um, während er, sich über ein Stehpult beugend, eine Seite der Partitur der Sinfonie in g-moll von Mozart blätterte. Als man ihn fand, hielt er einen Notenfetzen in der toten Hand, jene Hornstöße zu Beginn des langsamen Satzes. Er hatte meiner Mutter einmal gesagt, die g-Moll-Sinfonie sei das schönste Stück Musik, das jemals komponiert worden sei.

Der Geliebte der Mutter (Urs Widmer) 

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Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen? Vielleicht mit den Schritten vor seiner Tür und den Zweifeln, ob das überhaupt Schritte waren oder wieder nur etwas aus einer Unruhe in ihm, seit er nicht mehr das Chaos von anderen verbesserte, bis daraus ein Buch wurde. Also: Waren das Schritte, abends nach neun, wenn hier im Tal schon die Lichter ausgingen, oder war da etwas mit ihm?

Widerfahrnis (Bodo Kirchhoff)

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Du bist vor zwei Monaten abgereist, und seit zwei Monaten habe ich, abgesehen von einer Postkarte, auf der du mir mitteilst, dass du noch lebst, keine Nachricht von dir.

Geh, wohin dein Herz dich trägt (Susanna Tamaro)

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Er wollte sich einreden, sie hätte etwas anderes gesagt, irgendeinen noch nicht ganz ausgereiften Gedanken, den ihre Krankheit ihr eingegeben hatte, aber ihre Handbewegung war nicht zu übersehen, eine Geste, mit der sie ihn unmissverständlich fortschickte. Sein erster Impuls war, ihr zu gehorchen, auf direktem Wege zur Tür hinauszugehen und sie dort in ihrem Elend liegen zu lassen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Aber er ging zu ihr und berührte sie zaghaft am Hinterkopf, als wollte er sie wecken. 

Vier Frauen (Valerie Wilson)

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Wer auf Reisen geht, folgt immer auch einer vagen Sehnsucht, unabhängig vom Ziel der Reise, der Sehnsucht nach Erfüllung oder dem Moment, der allen übrigen Momenten, ob morgens an einem noch leeren Strand, allein mit dem Meer, oder nachts in einer schmalen Gasse, hastig umschlungen, ihren Sinn gibt: Das erfüllt meinen Wunsch, das ist die Ankunft, alles danach schon die Heimkehr - so sieht man es später.

Verlangen und Melancholie (Bodo Kirchhoff)