Dies sind die letzten Dinge, schrieb sie. Eins nach dem anderen verschwinden sie und kommen nie zurück. Ich kann dir erzählen von denen, die ich gesehen habe, von denen, die es nicht mehr gibt, doch wird kaum Zeit dafür sein. Es geschieht jetzt alles zu schnell, und ich kann nicht mithalten.

Im Land der letzten Dinge (Paul Auster)

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Dieser übergesetzliche Notstand ist weder im Grundgesetz noch im Strafgesetzbuch oder in anderen Gesetzen geregelt. Darin erkennt das Gericht einen Wertungswiderspruch, den es nicht hinnehmen möchte: Handelt nämlich ein Tier egoistisch, will es also "nur" sich oder nahe Verwandte retten, entschuldigt ihn das Gesetz - handelt er hingegen selbstlos, stellt er sich gegen das Gesetz. Einen egoistischen einem selbstlosen Täter vorzuziehen ist jedoch weder vernünftig, noch entspricht es den Zielen unseres Zusammenlebens.

Terror (Ferdinand von Schirach)

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Sein Versuch, nicht an jene letzten Tage zu denken, wird misslingen. Die geschlossenen Vorhänge, die Schritte des Arztes im Flur, seine tröstende Hand an der Wange. Es ist vorbei, mein Junge. Dieser Satz. Dieses Wort. Vorbei. Den Satz würde er sein ganzes weiteres Leben mit sich tragen, das wusste er damals schon. Und dann der Abschied im Schlafzimmer. Er hatte nie geahnt, dass Tote so still liegen können. Wirklich still, nicht wie ein Mensch oder ein Tier, das schläft, nein, so still wie eine Vase, die auf einem Tisch steht - eine leere Vase, ohne Blumen. [...]. Er hatte einmal gelesen, der menschliche Körper sei nach Eintreten des Todes einundzwanzig Gramm leichter. Gläubige führten das auf die entschwundene Seele zurück. Aber er war nicht gläubig, jedenfalls glaubte er nicht an die Wägbarkeit der Seele.

Sehr geehrter Herr M. (Hermann Koch)

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Zum ersten Mal verstanden, dass mein Text wirklich gut war und ich nicht nur hoffte, dass er gut war oder so tat, als wäre er es, hatte ich, als ich eine Passage über Vater schrieb und dabei in Tränen ausbrach. Das war mir noch nie, nicht einmal ansatzweise, passiert. Ich schrieb über Vater, und  die Tränen liefen mir die Wangen hinunter, ich konnte Tastatur und Bildschirm kaum sehen, tippte einfach weiter. Von der Existenz der Trauer, die in mir freigesetzt wurde, hatte ich nichts geahnt, nichts gewusst. 

Sterben (Karl Ove Knausgard)

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Diesmal war ich darauf vorbereitet, was mich erwartete, und sein Körper, dessen Haut sich im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden offenkundig noch dunkler verfärbt hatte, weckte keines der Gefühle, die mich am Vortag innerlich zerrissen hatten. Nun sah ich das Leblose. Dass es keinen Unterschied mehr zwischen dem gab, was einmal mein Vater gewesen war, und dem Tisch, auf dem er lag, oder dem Fußboden, auf dem der Tisch stand, oder der Steckdose in der Wand unter dem Fenster, oder dem Kabel, das zu der Wandleuchte führte. Denn der Mensch ist nur eine Form und anderen Formen, die von der Welt immer und immer wieder hervorgebracht werden, nicht nur in allem, was lebt, sondern auch in dem, was, gezeichnet in Sand, Stein oder Wasser, nicht lebt. Und der Tod, den ich stets als die wichtigste Größe im Leben betrachtet hatte, dunkel, anziehend, war nicht mehr als ein Rohr, das platzt, ein Ast, der im Wind bricht, eine Jacke, die von einem Kleiderbügel rutscht und zu Boden fällt.

Sterben (Karl Ove Knausgard)

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Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann. Dann stoppt es. Früher oder später, an dem einen oder anderen Tag, hört seine stampfende Bewegung ganz von alleine auf, und das Blut fließt zum niedrigsten Punkt des Körpers, wo es sich in einer kleinen Lache sammelt, von außen sichtbar als dunkle feuchte Fläche unter der beständig weißer werdenden Haut, während die Temperatur sinkt, die Glieder erstarren und die Gedärme sich entleeren.

Sterben (Karl Ove Knausgard)